Es ist dunkel. Ich liege halb wach in meinem Bett. Etwas muss mich geweckt haben. Langsam wache ich ganz auf. Ich kann wieder einen klaren Gedanken fassen. Mein Blick fällt auf den Wecker. Erst zehn Uhr früh. „Erst“, wenn man bedenkt, dass ich gerade mal 5 Stunden die Matratze gewärmt habe. „Aber der Wecker kann es nicht gewesen sein“, denke ich ich noch, „den habe ich doch abgestellt.“ Immerhin ist Samstag, also Wochenende. Die einzigen beiden Tage, an denen ich richtig und ungestört ausschlafen kann.

Da, das muss es gewesen sein, ein laut summendes Geräusch. Sollte etwa die Nachbarin gerade heute mit dem Staubsauger für Ordnung sorgen? Nein, denn auch ihr ist das Wochenende heilig. Freitag ist Putztag bei ihr. Da ist es schon wieder, aber viel lauter. Nein, das kann nicht von nebenan kommen, die Wurzel des Übels muss sich draußen befinden.

Ich wälze mich langsam aus dem Bett. Es ist kalt, wieder mal vergessen, die Heizung auf Automatik zu schalten. Rasch suche ich meine Socken, um mich vor dem Frost und der Gefahr, am Teppich festzufrieren, zu schützen. Noch etwas schlaftrunken bewege ich mich langsam und so grazil, wie es mein Zustand erlaubt, in Richtung Fenster. Der Rollladen ist heruntergelassen. Auch durch ihn hindurch dröhnt das Summen.

Ich ziehe langsam den Rollladen hoch. Ich blicke mit von der Helligkeit des Morgens geblendeten Augen auf meine Straße. Links – nein, von da kommt nichts. Ein Anwohner versucht sein Auto trotz des drohenden Regens wieder in den glänzenden Zustand eines Neuwagens zu bringen. Er geht der typischen Beschäftigung eines Deutschen am Wochenende nach. Zum Glück verbietet die Kälte des herannahenden Winter, dass diese Aktion in typischer „Arbeitskleidung“ passiert – Feinripp-Unterhemd und Bermudas, knielange Strümpfe in Sandalen. Aber mit Schwamm und Eimer ist er fast unhörbar.

Rechts – auch hier nichts. Ein paar Kinder spielen Himmel und Hölle, zur Abwechslung mal schön leise, ganz ohne Geplärre oder lauten Streit um die Regeln. Fast könnte man von einer kleinbürgerlichen Idylle sprechen, aber dann höre ich wieder das Geräusch, mein Blick fällt in die von meinen Ohren geschätzte Richtung der Lärmquelle – nach unten.

Unten sorgt ein Nachbar für Ordnung. Die vielen Blätter auf dem Bürgersteig, die der Herbst beschert hat, haben auch wirklich gestört. Fast wäre ich gestern auf ihnen ausgerutscht und hatte schon daran gedacht, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Aber nun ist mir der Nachbar zuvorgekommen.

Leider hat auch bei diesem Nachbarn die Technik Einzug gehalten. Die Methode mit Besen und Rechen ist absolut out. „Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert“, würde er sagen. Mein Nachbar „fegt“ die Blätter natürlich mit der Kraft des Windes zusammen, er besitzt einen Laubsauger. Laubsauger sind schließlich nichts Ungewöhnliches bei der professionellen Straßenreinigung. Zuerst werden mit kleinen, mobilen Gebläsen die Blätter zusammengeblasen, um Sie dann mit einem überdimensionalen Sauger – montiert auf einen LKW – einfach wegzusaugen.

Mein Nachbar hält nun die Kompakt-All-in-One-Version in den Händen. Das Gerät kann sowohl Blätter zusammenpusten als auch in einen ansteckbaren Sack hineinsaugen. Natürlich ist dazu Leistung wichtig und genau die haben diese Dinger für den Heimkehrer nicht. Sie machen zwar einen Höllenlärm, um Anwohner aus dem Schlaf zu reißen, und gaukeln Leistung vor, aber heraus kommt nur heiße Luft und geweckte Anwohner. Ganz ähnlich dem Kettenraucher, der Qualm ausatmend behauptet, die 100 Meter Sprint in 11 Sekunden bewältigen zu können, nur eben gerade nicht, diese alte Verletzung…

Ich beobachte den Nachbarn, wie er ganze 10 Meter Gehweg in rekordverdächtigen 10 Minuten schafft. Dabei steht im der Schweiß auf der Stirn als habe er jedes Blatt einzeln aufgehoben. Das Gerät ist eben auch nicht gerade leicht. Der Anblick entschädigt mich fast für das unsanfte Wecken. Weitere 10 Minuten vergehen aber der Nachbar ist kaum weitergekommen. Der einsetzende Regen hat die Blätter auf die Gehwegplatten geklebt. Der Sauger hat jetzt überhaupt keine Chance mehr. Da hilft wohl nur noch der Besen.

Viel Mitleid habe ich nicht für ihn. Die 15 Meter Gehweg vor dem Haus hätte ich mit einem Besen in weniger als 10 Minuten von allen Blättern befreit. Und das ohne irgendwen zu stören, egal wobei. Mehr Mitleid habe ich mit dem Autoputzer, die Arbeit war wohl vergebens.

Ich lasse zufrieden den Rollladen wieder herunter und taste mich durch das dunkle Zimmer in Richtung Bett. Als ich endlich liege, fällt mir ein, dass ich die Heizung hätte andrehen können. Aber wozu? Im Bett ist es noch warm und beim Nachdenken fallen mir auch wieder die Augen zu und ich träume von einem Nachbarn, der Blätter mit einem ganz normalen Besen ohne technischen Firlefanz zusammenkehrt.

(Genaues Datum unbekannt)