So, die Wohnung wäre jetzt weihnachtlich geschmückt, jetzt habe ich Zeit für Sie, liebe Leser. – Oh, einen kleinen Augenblick noch, das Telefon klingelt.

Aha, die Ulla, eine Schulfreundin meiner Mutter ist dran und will mit meiner Mutter reden. Ja, es ist wieder kurz vor Weihnachten, dem Fest der Liebe, des Friedens, der Ruhe und der Begegnung. Bei all diesen Attributen drückt natürlich das schlechte Gewissen, sich eine halbe Ewigkeit nicht mehr gemeldet zu haben und diese Ewigkeit dauerte bei Ulla bis gerade ziemlich genau ein Jahr.
Natürlich ist meine Mutter wie jedes Jahr hellauf begeistert, weil man sich ja so viel zu sagen hat, wenn man sich einmal im Jahr spricht. Hm, gerade fünf Minuten vorbei und die Leitung ist wieder frei. Da gab es wohl doch nicht so viel zu erzählen.

Aber wo ich schon bei Bekannten bin, kann ich ja auch gleich weiter darüber schreiben.
Neben den „Seltenmeldern“ untern den Verwandten und Bekannten gibt es natürlich auch die, die sich gar nicht genug melden können und sie es nur aus purer Neugierde. Das sind die, die sich mindestens einmal die Woche telefonisch auf den neusten Stand bringen wollen.
Aber so kurz vor Weihnachten ergreifen sie dann die große Chance und erscheinen persönlich. Denn wer würde einen Verwandten schon an der Tür abweisen? Niemand natürlich. Aber wenigstens bedeutet so ein Besuch auch Geschenke. Die wollen allerdings auch erwidert werden, also doch nicht so toll, wieder mehr Geschenke besorgen.

Auch Spendenorganisationen, von denen man das ganze Jahr über nichts hört, klopfen in dieser herzlichen Zeit gerne an die Tür, sei es persönlich oder per Brief. Fast wie Verwandte. Dort hungern Kinder Afrika, zu wenig Nahrung gibt es in einem Kaff in Indien und zur Abwechslung geht es mal allen in Südamerika schlecht.
Ich würde ja gerne jedem Armen auf der Welt etwas von meinem westlichen Wohlstand abgeben, aber dafür reicht wohl das gesamte Geld, dass ich in meinem Leben schon verdient habe bzw. noch verdienen werde, nicht aus. Also ziehe ich wie jedes Jahr aus dem Stapel von ca. 25 Bittbriefen einen heraus, dessen Absender ich dann bedenken werde. Hm, schon wieder ist es ein Brief der Gmeiner-Stiftung. Das muss wohl an den äußerst dicken Umschlägen liegen, die vor beigelegter Karten, Kalender und Anhänger nahezu bersten. Nein, dieses Jahr suche ich einen anderen Brief heraus, von einer Organisation die es nicht nötig hat, mit vielen Gimmicks um die Gunst des Spenders zu buhlen.

Und da klingelt auch schon wieder das Telefon. Ich muss da jetzt mal rangehen, vielleicht noch ein Seltenmelder? Dabei fällt mir ein, dass ich mich bei manchen auch nicht sehr häufig melde. Ich glaube, das werde ich jetzt mal erledigen.
Wenn sie mich dann mal für heute entschuldigen würden, ich melde mich dann auch bestimmt wieder, spätestens zu Weihnachten in einem Jahr.